Vorgeschichte
Karwendelmarsch! Alleine der Name sagt schon alles, auch wenn ich mich für den Lauf angemeldet hatte. Laufen wollte ich ihn, zumindest da wo er für mich „laufbar“ war, aber über die Berge hetzen wollte ich mich allemal nicht. Das hat auch schon meine Vorbereitung auf dieses Vergnügen klar zum Ausdruck gebracht, schön gemütlich, ohne Hatz und ohne großen Druck. Ich wollte einfach diesen Spätsommerabschluss genießen können.

Klar habe ich anfangs einige Gedankenspiele mit mir und dem bevorstehendem Neuland gemacht und mich auch einige Male dabei ertappt, wie ich die Zeiten hochgerechnet hatte, nur wollte ich das wirklich? Zum Glück hat sich da mein Trägheitmoment endlich einmal positiv ausgewirkt, nein das wollte ich nicht. Somit war klar, Training ja, aber den Arsch reiße ich mir hierfür nicht auf. Nur so viel musste sein, dass ich das sichere Gefühl  bekomme, die Tour halbwegs relaxt zu überstehen. Und genau das habe ich dann auch umgesetzt.

Dass sich da auch noch meine Lauffreunde Alex aus Schnüdelhausen (Schweinfurt) und Jörg aus Fulda, sowie mein Freund Markus aus meiner Heimat dazugesellten war die Krönung schlechthin.

Schon am Vorabend war Aufwärmen angesagt.

In angenehmer kühle des Stiftskellers in Innsbruck wurde für die anstehenden  52 km und den 2300 HM Kraft getankt. Mit dabei wie immer unsere Edelfans, Veronika, Paul, Eveline, Doreen, Doris und sämtlicher Nachwuchs von Jörg und Markus. Ein, denke ich, gelungener Abend.

Der große Tag
Samstag, 29.08.2015 03:30 der Geist erwacht, der Körper möchte liegenbleiben. Recht kurz war die Nacht. Was solls, um 04:25 geht der Bus vom Bahnhof Innsbruck in die Scharnitz. Pünktlich um 03:55 meldet sich Markus um uns, den Alex, Jörg ihn selbst und mich zum besagten Treffpunkt zu kutschieren. Kaum angekommen, schon ging es los. Im Bus selbst, Muntere und verschlafene Gesichter. Gutgelaunte, als auch müde dreinschauende, ein kunterbunt an Emotionen, aber alle frohen Mutes. Die Fahrt war recht kurzweilig bzw. kurz, sodass wir mehr als rechtzeitig im Startgelände eintrafen.

Hier war alles wie immer, nur die Uhrzeit passte nicht. 😉 OK, das vergisst man schnell, wenn man das Herumgewusel der Teilnehmer beobachtet. Selbst ist man ja auch etwas beschäftigt und die Anspannung nimmt ja auch immer mehr zu, je näher es dem Unausweichlichen geht, dem Donnerknall der Kanone, die den Start bekannt gibt.

Punkt 6°° war es dann so weit, der Kanonendonner ließ die Teilnehmer diese Herausforderung aufnehmen. Läufer waren als Erste dran, im Anschluss dann die Geher/Marschierer. Wobei gleich hier schon erwähnt sein soll, mit Gehen/Marschieren hat das bei vielen nichts zu tun. Bergan schon garnicht, die legen da ganz ein schönes Tempo vor.

Markus als einziger von uns der sich wirklich ernsthafter auf den Karwendelmarsch vorbereitet hatte, wurde als Speerspitze vorausgeschickt. Da war jede Menge Adrenalin in den Fasern, die mussten losgelassen werden. Wir drei, der Alex, der Jörg und ich, wir wollten das Ganze um einiges gemütlicher angehen und uns nicht vom Treiben um uns herum anstecken lassen. Wäre auch garnicht möglich gewesen, denn Alex der auf allen Strecken rund um den Globus bekannte Langsamjogger konnte schon garnicht. Ist doch seit geraumer Zeit sein Knie etwas beleidigt. Ob er überhaupt die 52km mit 2300Hm übersteht, das war mehr als fraglich. Aber gut, wer ihn kennt, der weiß, er weiß was er sich zumuten kann, denn das hat er nicht nur einmal bewiesen. Und wir zwei, der Jörg und ich, wir wollten diesen Tag, das Panorama, die Aussichten einfach die Natur in uns aufsaugen und einen tollen Tag bei einem phantastischen Event genießen. Zeit? OK, irgendwann sollten wir vor Sperrstunde ankommen, damit wir nicht verdursten müssen. 🙂

Der Lauf/Marsch
Die ersten 19km bis zum Karwendelhaus gestaltete sich recht einfach,
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welliges Profil auf den ersten 9km. Hier war schon mal die erste Verpflegungsstelle (Schafstallboden (1.173 m)) und Zeit das Panorama, den Sonnenaufgang und die Atmosphäre zu genießen. Genial.

Anschließend änderte sich dann das Profil etwas, es zeigte immer mehr nach oben. Die Steigung war aber noch recht moderat, so hatte ich zumindest das empfunden. Dem Gekeuche und den Gesichtern einiger Teilnehmer jedoch war aber etwas anders zu entnehmen.

Zwischendurch musste ein Stopp eingelegt werden, die Natur wurde digital eingefangen, um später einmal davon zehren zu können. Die Ausblicke waren beeindruckend, Jörg und ich hatten ein breites Grinsen im Gesicht, und bewegend zugleich. Als reiner Asphaltcowboy im Laufsport war das schon imponierend. Auf diesem Streckenteil allerdings zeigte sich schon, dass Alex das sehr moderate Tempo nicht mitgehen kann, sodass wir uns vorerst lösten, jedoch am Karwendelhaus (Karwendelhaus (1.771 m)) auf ihn warteten. Bei dieser genialen Aussicht ein wahres Vergnügen.

Hier sei schon mal stellvertretend für ALLE Helfer erwähnt, egal wo sie postiert waren, ihr wart Spitze und habt ganze Arbeit geleistet. Freundlich, zuvorkommend, anspornend und und und. Einfach super!

Nach einer ausgiebigen Pause und der Abstimmung mit Alex (wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ob er nicht bei 35 km aussteigt), ging es Richtung kleinen Ahornboden (1.399 m) weiter. Rauf auf den Berg ist eine Sache, aber hinten wieder runter eine Andere. Wer da nicht schon ein wenig mit losen Gestein, schmalen Pfaden und steilen Gelände Bekanntschaft gemacht hatte, der war ganz schön gefordert. So auch mein Begleiter Jörg, in diesem Streckenteil hatte er ganz schön zu kämpfen.

Nach diesem ersten alpinen Hügel ging es zur Falkenhütte (1.848 m) hinauf. Auf den Weg dorthin hatte ich das erste und einzige mal ein Problem. Im ersten Drittel bekam ich Seitenstechen das mich fast aus der Bahn geworfen hätte. Der Abschnitt ist ja nicht gerade eben und das Gelände auch nicht unbedingt lauffreundlich, sodass ich moralisch komplett down war. Auch körperlich hatte ich das Gefühl, jetzt geht nix mehr. Das war umso verwunderlicher, als ich bis dahin ja nur im Schongang unterwegs war.  Bis zur Hütte, das war ein mental/körperlicher Spießrutenlauf. Oben angekommen war Jörg schon beim Plündern der Verpflegungsstelle und ich müde.

Gut dass es den Jörg da oben gegeben hat, denn sein Zuspruch und sein “das hat jeder mal” rüttelte mich wieder etwas aus meiner Lethargie. Trotzdem habe ich mir mehr Zeit für diese Pause genommen.

Auf den Weg zum Zwischenziel in die Eng (1.227 m) war dann von der Krise nichts mehr über, die Beine, der Kopf alles wieder im grünen Bereich. Warum mich so ein läppisches Seitenstechen dermaßen aus der Ruhe bringt weiß ich nicht, aber vermutlich war das das Umschalten der Verbrennungsart (Zucker aus KH’s > Zucker aus Fett) in Verbindung mit dem Seitenstechen. War auf alle Fälle eigenartig und so mir unbekannt.

Der Abschnitt in die Eng als solches war eine echte Herausforderung. Steil, schmal, steinig und heiß! Nicht nur einmal hatte ich Glück und konnte mich mit artistischen Einlagen vor einem Crash retten. Also, eine Bauchlandung in diesem Gelände, gute Nacht, das ist mit Sicherheit sehr schmerzhaft. Trotzdem ließ ich meinen Beinen eine kontrollierte Freiheit, so dass ich zügig dem Zwischenziel entgegen strebte.

Dort angekommen war schon einiges los. Es herrschte schon ein reges treiben.

Nachdem mein Begleiter Jörg im Downhill-Modus nicht unbedingt eine Rakete war, durfte ich schon mal den Vortritt am “Buffet” genießen. Auch hier wieder Postkartenaussicht vom Feinsten. Hier war es so angenehm, dass wir fast eine halbe Stunde verweilten, bevor wir uns die letzten 16 km reinzogen.

Zu diesem Zeitpunkt machte ich mir echt Sorge  um meinen Freund Alex, der ja mit einem ordentlich angeschlagenen Knie (kein Kreuzband und Meniskus in A….) dieses Abenteuer bestritten hatte.

Nachdem wir aber schon so lange in der Eng verweilten, machten wir uns weiter Richtung Ziel auf. Los ging es, der letzte Anstieg wartete.

Und welcher, ach du meine Güte. Als ich das dann sah, die kleinen Würmchen ganz oben in Richtung Binsalm (1.502 m), und Gramai Hochleger (1.756 m) strebend, da dachte ich, das kann ja nicht sein. Mittlerweile waren die Temperaturen schon jenseits der 30°, also Badewetter auf über 1800 m. Und nun das. Noch dazu alles in der Sonne, bravo dachte ich. Und genau so war es dann auch. Der letzte Aufstieg war für mich keinen Meter zu laufen. Die Sonne war gnadenlos und die Serpentinen, die sich den Berg hochschlängelten waren endlos. Nach jeder Kehre dachte ich, jetzt, jetzt kann es nicht mehr weit sein. Denkste, der Schweiß floss in Strömen bis endlich der Blick ins Tal sich auftat.Pic03
Grandios, unbeschreiblich, erlösend.

Auf ein paar Quadratmetern Wiese und Gestein machten es sich einige bequem und beglückwünschten die Ankömmlinge. Das werde ich so schnell nicht vergessen, das war beeindruckend.

Der anschließende Abschnitt war auch nicht gerade eine Autobahn und erforderte einiges an Konzentration, um nicht flach aufzuschlagen.

Als Belohnung wartete die Verpflegungsstation auf der Gramaialm (1.263 m). Dort wieder etwas eingeworfen aber jetzt nicht mehr so lange verweilt. Das Ende nahte ja und Jörg und ich wollte ja noch das ein oder andere Bierchen verdrücken. Weiter ging es im Schweinsgalopp zur Falzturn Alm (1.098 m) hinunter P1150749
wo wir nochmals eine kleine Rast und surprise, surprise unsere Gefolgschaft antrafen, die diesen Traumtag nutzten und selbst gut 9 km entgegen gingen. :-).

Das war echt eine Überraschung. Nach kurzen Fotoshooting liefen wir dann weiter Richtung Pertisau, um endlich gemeinsam einen Zieleinlauf im aufrechten Schritt hinzulegen. Die KM bis dorthin waren fast nur Asphalt, mit stetig leichtem Gefälle. Da wir uns doch recht viel Zeit für diese Tour genommen haben, waren das echte Genusskilometer. Die Leute die uns begegneten waren richtig begeistert, haben angespornt, gratuliert und motiviert.

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Der Zieleinlauf, bei dem uns Markus schon geduscht und geschniegelt erwartete, uns abklatschte und uns den Weg zeigte, das war dann einfach ein tolles Gefühl.
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Jörg und ich, so wie in Wien 2012 aber im aufrechten Gang gemeinsam durchs Ziel. Besser hätte es nicht sein können, phantastisch!

Und nachdem unsere Sorge um Alex, der etwas zeitverschoben ins Ziel kam, aber mit einem Lächeln im Gesicht unbegründet war, war dieser Tag einfach nicht zu überbieten. Alex hat ab diesem Zeitpunkt einen neuen Zusatz zum Langsamjogger bekommen. Ab nun wurde er mit dem Zusatz “Alex – unkaputtbarer Langsamjogger” ausgestattet.

Jungs, das war heuer wieder ein tolles Event mit euch. Ich kann nur hoffen, dass wir uns wieder einmal zu einem solchen Sportfest einfinden können.

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